Sicher anpacken

Schutzhandschuhe

Unsere Hände bekommen es in der Arbeitswelt mit unterschiedlichsten Gefährdungen zu tun. Sie packen schwere, scharfe oder spitze Gegenstände an, sie sind Hitze, Kälte oder Chemikalien ausgesetzt. Wer die Einsatzbedingungen, Normen, Symbole und Leistungsstufen kennt, kann geeignete Schutzhandschuhe auswählen.

Text: Holger Toth (Redaktion)

AUF DEN PUNKT:

  • Die konkrete Gefährdung am Arbeitsplatz bestimmt den Schutzhandschuh
  • Normen und Leistungsstufen zeigen die Schutzwirkung
  • Material, Arbeitsumgebung und Tragekomfort sind wichtige Faktoren

Schutzhandschuhe zählen zur persönlichen Schutzausrüstung (PSA) und müssen der EU-PSA-Verordnung (EU) 2016/425 entsprechen. Sie werden je nach Risiko in drei Kategorien eingeteilt:

  • Kategorie I: geringe Risiken (z. B. Gartenarbeit)
  • Kategorie II: mittlere Risiken (z. B. mechanische Gefährdungen)
  • Kategorie III: hohe Risiken mit potenziell schweren Folgen (z. B. Chemikalien, Hitze)

Für die Praxis besonders wichtig sind die harmonisierten Normen, die festlegen, welche Prüfungen ein Handschuh bestehen muss.

Die wichtigsten Normen im Überblick

Allgemeine Anforderungen

Die Norm DIN EN ISO 21420 gilt für alle Schutzhandschuhe. Sie regelt unter anderem die ergonomische Passform, die Unschädlichkeit der Materialien, Kennzeichnung und Herstellerangaben sowie Größenangaben.

Schutz gegen mechanische Risiken

Diese Norm (DIN EN 388) ist die am häufigsten verwendete im Arbeitsalltag. Unter dem Hammer-Symbol stehen Zahlen und Buchstaben. Von links nach rechts gelesen geben sie an, wie gut der Handschuh vor bestimmten Einwirkungen schützt:

Es gilt: Je höher die Zahl beziehungsweise je weiter hinten im Alphabet der Buchstabe, desto größer die Schutzwirkung – allerdings oft zulasten von Tastgefühl und Beweglichkeit. Ein Schutzhandschuh mit der Auszeichnung 4 X 4 2 D ist durch hohe Abrieb- und Weiterreißfestigkeit charakterisiert (jeweils 4). Der Coupe-Test in der Kategorie Schnittfestigkeit wurde nicht angewendet, weil das Material den Test verfälschen würde (X). Als Alternative wurde die Schnittschutzprüfung nach ISO 13997 durchgeführt. Das ist meist dann der Fall, wenn der Handschuh aus Material wie Glas- oder Stahlfasern besteht, das die Klingen beim Coupe-Test abstumpfen lässt und kein aussagekräftiges Ergebnis liefert. Beim TDM-Test erzielt der Handschuh ein gutes Resultat gegen Schnitte (D) und liegt nur hinter den sehr hohen Schutzstufen E und F. Der Schutz gegen das Durchstechen durch spitze Gegenstände ist moderat (2). Der Schutz gegen Stoßeinwirkung wurde nicht getestet, für diese Verwendung ist der Handschuh nicht vorgesehen. Deshalb ist die sechste Stelle ausgespart.

Schutz gegen thermische Risiken

Die Norm DIN EN 407 gilt für Handschuhe gegen Hitze und/oder Flammen. Symbolisiert wird sie durch eine Flamme. Die Zahlen- und Buchstabencodes funktionieren analog zu den mechanischen Risiken.

In der Praxis ist die zweite Zahl häufig das wichtigste Kriterium – wenngleich das natürlich vom Einsatzzweck des Handschuhs abhängt. Kurz gesagt: Hält der Handschuh bei einer bestimmten Temperatur durch, ohne dass die Temperatur an der Innenseite innerhalb von 15 Sekunden um mehr als 10 Grad Celsius ansteigt? Die Leistungsstufen 1 bis 4 entsprechen Schutz bei 100, 250, 350 und 500 Grad Celsius.

Besonderheit Schweißerhandschuh: Bei Schweißarbeiten ist Schutz vor mechanischen und thermischen Gefährdungen erforderlich, entsprechend sind auf den Handschuhen sowohl das Hammer- als auch das Flammensymbol zu finden. Die Anforderungen sind in der Norm EN 12477 festgelegt. Handschuhe für Schweißarbeiten gibt es in den Varianten A (geringe Fingerfertigkeit) und B (hohe Fingerfertigkeit).

Schutz gegen Kälte

Neben Tätigkeiten, die Schutz vor Feuer und Hitze erfordern, gibt es auch Tätigkeiten, bei denen die Hände vor Kälte geschützt werden müssen. Das trifft etwa auf handwerkliche Berufe, Tätigkeiten in der Baubranche oder Beschäftigte in der Tiefkühllogistik zu. Es gibt jedoch weniger Leistungsstufen als bei thermischen Gefährdungen. Festgelegt sind sie in der Norm DIN EN 511.

Ist ein Schutzhandschuh gegen Kälte nicht wasserdicht, muss die Leistungsstufe 0 ausgewiesen werden. Außerdem muss ein Warnhinweis in den Herstellerinformationen angegeben werden, dass der Handschuh bei Nässe seine isolierende Eigenschaft verlieren kann.

Schutz gegen Chemikalien

Die Norm DIN EN 374 ist für eine Reihe von Berufsgruppen relevant. Medizinisches Personal und Laboranten, Reinigungskräfte oder auch Industriearbeiter und Beschäftigte in der Lebensmittelindustrie können mit gefährlichen Chemikalien in Kontakt kommen.

Die Norm besteht aus mehreren Teilen, die unterschiedliche Schutzaspekte abdecken. Dabei geht es um die Beständigkeit gegen Penetration, also das Eindringen der Prüfchemikalie durch Porösität wie Nähte oder Schadstellen. Einfach gefasst: Ist der Handschuh dicht? Es geht außerdem um den Widerstand gegen Permeation – das bezeichnet die Durchbruchzeit, die eine gefährliche Substanz benötigt, um das Handschuhmaterial zu durchdringen. Und es geht um Degradation, also die Verschlechterung der Materialeigenschaften der Handschuhe durch die Einwirkung des Gefahrstoffs.

Das Symbol der Chemikalienschutzhandschuhe ist der Erlenmeyerkolben. Eingeteilt werden die Handschuhe in drei Stufen. Die Klassifizierung erfolgt hinsichtlich ihrer erreichten Leistungsstufen gegen Permeation:

Unter dem Piktogramm stehen Buchstaben, die genau angeben, welche Chemikalien geprüft wurden. A steht zum Beispiel für Methanol, B für Aceton, N für Essigsäure oder S für Flusssäure.

Auf molekularer Ebene kann ein Schutzhandschuh in Minutenschnelle durchdrungen sein. Deshalb wird die Durchbruchzeit in sechs Leistungsstufen eingeteilt – Level 1 bedeutet eine Widerstandsfähigkeit gegen die Chemikalie von mindestens zehn Minuten, Level 2 mindestens 30 Minuten bis hin zu Level 6 mit mindestens acht Stunden. Die Durchbruchzeit hängt von Faktoren wie dem Material (z. B. Nitril, Latex, Neopren, Butyl), der Materialstärke, der Temperatur oder der Konzentration der Chemikalie ab.

Wichtig: Ein Chemikalienschutzhandschuh schützt nur gegen die konkret geprüften Stoffe, nicht pauschal gegen alle „Chemikalien“.

Schutz gegen Mikroorganismen

Der Schutz gegen Mikroorganismen ist insbesondere dort von Bedeutung, wo Beschäftigte mit potenziell infektiösen Materialien, Körperflüssigkeiten oder kontaminierten Oberflächen in Kontakt kommen. Maßgeblich ist hier wie beim Schutz gegen Chemikalien die Norm DIN EN ISO 374. Teil 5 der Norm definiert Schutzhandschuhe gegen biologische Gefährdungen.

Ziel der Norm ist es sicherzustellen, dass Handschuhe eine wirksame Barriere gegen das Eindringen von Mikroorganismen bilden. Dabei unterscheidet die Norm zwischen dem Schutz vor Bakterien und Pilzen sowie dem erweiterten Schutz vor Viren.

Handschuhe, die nach DIN EN ISO 374-5 geprüft sind, tragen das Biohazard-Symbol. Dieses Piktogramm signalisiert, dass der Handschuh die grundlegenden Anforderungen an die Dichtheit erfüllt und somit das Eindringen von Mikroorganismen verhindern kann.

Besonderheit Virenschutz: Das Biohazard-Symbol allein bedeutet zunächst nur, dass der Handschuh gegen Bakterien und Pilze geprüft wurde. Ein weitergehender Schutz gegen Viren ist darin nicht automatisch enthalten. Soll ein Handschuh auch vor Viren schützen, ist eine zusätzliche Prüfung erforderlich. Besteht der Handschuh diese Prüfung, wird unter dem Biohazard-Symbol der Zusatz „VIRUS“ angegeben. Diese Kennzeichnung ist insbesondere im Gesundheitswesen und bei Tätigkeiten mit erhöhtem Infektionsrisiko von zentraler Bedeutung, etwa beim Umgang mit Blut, Sekreten oder infektiösem Abfall. Die Virenprüfung stellt erhöhte Anforderungen an das Material, da Viren deutlich kleiner sind als Bakterien. Nur Handschuhe, die diese Prüfung bestehen, dürfen ausdrücklich als virendicht bezeichnet werden.

Die richtige Wahl treffen

Ausgangspunkt der Auswahl ist im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung die genaue Analyse der Einwirkungen, denen die Hände ausgesetzt sind. Dabei ist zu klären, ob zum Beispiel mechanische, chemische, thermische, biologische oder andere Risiken vorliegen – oder eine Kombination mehrerer Gefährdungsarten.

Entscheidend ist nicht nur die Art der Gefährdung, sondern auch ihre Intensität und Dauer. Ein kurzzeitiger Kontakt mit einer Chemikalie stellt andere Anforderungen an den Handschuh als das wiederholte Eintauchen oder eine dauerhafte Exposition. Ebenso macht es einen Unterschied, ob scharfe Kanten nur gelegentlich berührt werden oder ob dauerhaft mit schnittgefährdenden Materialien gearbeitet wird.

Material spielt eine entscheidende Rolle

Eng damit verknüpft ist die Auswahl des geeigneten Handschuhmaterials. Unterschiedliche Materialien weisen sehr unterschiedliche Schutzwirkungen auf. Nitril, Latex, Neopren, Butyl, Leder oder textile Trägermaterialien schützen jeweils unterschiedlich gut gegen bestimmte Gefährdungen. Besonders beim Chemikalienschutz ist zu beachten, dass es keinen universell beständigen Handschuh gibt. Ein Material, das gegen Öle und Fette gut schützt, kann gegenüber Lösungsmitteln oder Säuren schnell versagen. Deshalb müssen stets die Herstellerangaben und die nach Norm geprüften Chemikalien berücksichtigt werden. Auch Materialstärke und Beschichtungen beeinflussen die Schutzwirkung erheblich.

Neben der Schutzfunktion spielt die ergonomische Eignung eine zentrale Rolle. Schutzhandschuhe müssen gut passen, dürfen die Beweglichkeit der Hände nicht unnötig einschränken und sollten ein ausreichendes Tastempfinden ermöglichen. Zu steife oder zu dicke Handschuhe führen häufig dazu, dass Beschäftigte sie nicht oder nur widerwillig tragen – mit entsprechendem Sicherheitsrisiko. Die richtige Größe ist dabei ebenso wichtig wie die Atmungsaktivität des Materials, insbesondere bei längeren Tragezeiten. Schweißbildung kann nicht nur den Tragekomfort mindern, sondern auch Hauterkrankungen begünstigen.

Umgebung beeinflusst die Anforderungen

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der konkrete Arbeitsprozess. Für Montagearbeiten mit hohen Anforderungen an Feinmotorik sind andere Handschuhe erforderlich als für grobe Tätigkeiten in der Metallbearbeitung oder im Bauwesen. Auch die Umgebungsbedingungen spielen eine Rolle: Nässe, Hitze, Kälte oder ölige Oberflächen stellen zusätzliche Anforderungen an Griffigkeit und Materialverhalten. In manchen Arbeitsbereichen kann es zudem notwendig sein, Handschuhe regelmäßig zu wechseln oder Einweghandschuhe zu verwenden, um Kontaminationen zu vermeiden.

Nicht zu unterschätzen ist schließlich die organisatorische und menschliche Komponente. Schutzhandschuhe müssen für die Beschäftigten verfügbar, leicht zugänglich und verständlich gekennzeichnet sein. Eine Unterweisung darüber, wofür ein bestimmter Handschuh geeignet ist und wofür nicht, ist unerlässlich. Ebenso wichtig ist die klare Regelung, wann ein Handschuh auszutauschen ist, etwa bei sichtbaren Beschädigungen oder nach Ablauf einer bestimmten Einsatzzeit.

Fazit

Der beste Schutzhandschuh ist nicht der mit der höchsten Schutzklasse, sondern derjenige, der die vorhandene Gefährdung zuverlässig abdeckt, zur Tätigkeit passt und im Arbeitsalltag akzeptiert wird. Eine sorgfältige Auswahl ist damit nicht nur eine Frage der Normerfüllung, sondern ein wesentlicher Beitrag zur Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten.