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Der Mensch behält das letzte Wort
Umsetzung der KI-Verordnung

Bild: AdobeStock / Tee11
Die Regulierung von Künstlicher Intelligenz (KI) nimmt Gestalt an: Die KI-Verordnung der EU (auch: EU AI Act) soll sicherstellen, dass KI-Systeme verantwortungsvoll eingesetzt werden. Ziel ist es, Schutz, Sicherheit und Transparenz zu fördern, ohne dabei Innovationen aus dem Blick zu verlieren.
Text: Thomas Büschel und Anja Blüthner
AUF DEN PUNKT:
- KI unterstützt den Arbeitsschutz, ersetzt aber keine Fachentscheidung
- Unternehmen müssen Risiken vorab bewerten und Systeme kontinuierlich überwachen
- Schulungen, klare Nutzungsregeln und menschliche Kontrolle schaffen Sicherheit, Akzeptanz und rechtskonforme Prozesse
Stellen Sie sich einen Roboter mit Bauhelm vor. Er steht auf einer Baustelle und sagt zu Bauleiter, Polier und Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa): „Keine Sorge, ich habe gerade eben den Sicherheitsplan aktualisiert.“ Das würde den Menschen eine Menge Arbeit abnehmen. Was aber, wenn dieser Plan falsch ist?
Für Unternehmen bringt der AI Act also Herausforderungen mit sich – insbesondere für jene, die KI in Bereichen wie der Arbeitssicherheit einsetzen wollen. Doch kein Grund zur Panik: Die Umsetzung der Verordnung ist vielleicht weniger kompliziert, als es anfänglich wirkt. Ein menschlicher Blick kann dabei hilfreich sein.
Balance zwischen Erleichterung und Verantwortung
KI in der Arbeitssicherheit ist keine Zukunftsvision mehr, sondern längst Realität. Sensoren, die Unfälle melden, Systeme zur Analyse von Gefährdungen oder KI-Software, die Unterweisungen erstellt, sind bereits im Einsatz. Mit ihnen lassen sich Arbeitsschritte vereinfachen, Prozesse effizienter gestalten und Risiken frühzeitig erkennen.
Nehmen wir ein einfaches Beispiel: eine alte Maschine, die 30 Jahre lang zuverlässig ihre Arbeit getan hat, aber jetzt zunehmend Ausfälle zeigt. Menschliche Arbeitsschützer könnten dazu neigen, diese Maschine immer noch als „okay“ einzustufen. Eine KI erkennt hingegen, dass die Kombination aus alter Schweißnaht, neuem Vibrationsmuster und Erschütterungen des Bodens ein ernsthaftes Risiko birgt. Innerhalb von Sekunden gibt die KI den Hinweis: „Akuter Handlungsbedarf!“ Praktisch, oder?
Doch genau damit beginnt die eigentliche Herausforderung. Was passiert, wenn die KI falsche Schlüsse zieht? Wenn die Maschine nur aufgrund eines unschädlichen Lagerspiels quietscht, aber die KI dies mit einem schwerwiegenden Problem verwechselt? Die Folge: Alarm, Kosten, unnötige Maßnahmen und vielleicht Streit im Team. Damit dies alles nicht passiert, fordert die KI-Verordnung der EU, dass solche Anwendungen kontinuierlich geprüft, dokumentiert und von Menschen überwacht werden.
Auch KI macht Fehler
Die Bedeutung menschlicher Kontrolle wird bei einem – nicht ganz ernsten – Blick auf Fehltritte, die KI-Systeme immer mal wieder machen, klar. Ein vielzitiertes Szenario von Bilderkennungs-KI: Ein Algorithmus, der Hunde erkennen soll, hält einen zusammengerollten, schlafenden Dackel für einen Bagel. Und was hat das mit Arbeitssicherheit zu tun? Ganz einfach: Wenn ein System nicht zuverlässig zwischen echten Risiken und harmlosen Situationen unterscheiden kann, sind Fehlentscheidungen nahezu unausweichlich.
Was heißt das praktisch? Stellen wir uns eine KI in einem Chemiewerk vor. Ihr Job: Verschüttungen erkennen. Eines Tages entdeckt sie eine „gefährliche Flüssigkeit“ und schlägt Alarm. Doch statt einer Chemikalie ist es nur verschütteter Kaffee. Die Produktion wird gestoppt. Während die KI zufrieden „Mission erfüllt“ signalisiert, können die Kolleginnen und Kollegen nur mit den Augen rollen.
Der Punkt ist klar: Auch die beste KI braucht regelmäßig menschliche Überprüfung, um Pannen wie diese zu vermeiden. Die Verordnung fordert genau dies: Während KI als Werkzeug fungiert, bleibt der Mensch derjenige, der das letzte Wort hat.
Warum die KI-Verordnung gut für Unternehmen ist
Die KI-Verordnung mag auf den ersten Blick wie ein riesiger Behördenordner wirken: viele Paragrafen, zahlreiche Anforderungen. Doch bei genauerem Hinsehen bietet sie Unternehmen einen klaren Rahmen, um KI vertrauenswürdig und sicher zu nutzen. Besonders im Bereich der Arbeitssicherheit ermöglicht sie Transparenz und hilft Organisationen, Risiken besser zu kontrollieren.
Die Verordnung unterscheidet bei KI-Anwendungen zwischen verschiedenen Risikoklassen. Besonders streng reguliert werden sogenannte „Hochrisiko-KI-Systeme“. Das sind beispielsweise KI-Tools, die für Gefährdungsbeurteilungen oder Sicherheitsunterweisungen verwendet werden und in diesem Zusammenhang eigenständig bewerten und im Zweifel sogar entscheiden. Damit diese Systeme sicher bleiben, gibt es eine ganze Reihe von Anforderungen: detaillierte Dokumentation, Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen und eine ständige Kontrolle durch Menschen, um Risiken zu minimieren.
Das klingt aufwendig? Vielleicht. Aber stellen Sie sich vor, Sie könnten dadurch einen Arbeitsunfall verhindern. Oder eine Unterweisung gestalten, die Mitarbeiter wirklich anspricht, anstatt sie zu langweilen. Dann wird schnell klar: Der Mehraufwand ist eine wirkliche Investition in Arbeitsqualität.
Was bei der Umsetzung zu beachten ist
Die Verordnung schreibt vor, dass KI-Systeme transparent, nachvollziehbar und sicher sein müssen. Doch was bedeutet das konkret?
- Transparenz: Stellen Sie sicher, dass Ihre KI keine „Black Box“ ist. Jede Entscheidung des Systems sollte dokumentiert und überprüfbar sein.
- Regelmäßige Überprüfung: Implementieren Sie Audits, um die Systeme nicht nur bei der Einführung, sondern fortlaufend zu kontrollieren.
- Menschliche Verantwortung: Die Ergebnisse der KI sollten immer von qualifizierten Fachkräften überprüft werden. Eine falsche Empfehlung der KI könnte sonst unerwartet hohe Kosten oder gar Sicherheitsrisiken verursachen.
Sieben Tipps zum sicheren KI-Einsatz
Besonders für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) erscheinen die Anforderungen der Verordnung oft unüberschaubar. Die folgenden Tipps sollen helfen, Künstliche Intelligenz nicht nur rechtskonform, sondern auch sicher und wirkungsvoll in den Arbeitsalltag zu integrieren. Diese Hinweise konzentrieren sich auf den Einsatz von KI in der Arbeitssicherheit, lassen sich aber jederzeit auf andere Bereiche übertragen.
- Starten Sie mit einer Risikoanalyse
Bevor Sie KI in Ihrem Unternehmen einführen, wägen Sie genau ab, in welchen Prozessen der Einsatz sinnvoll ist und welche Risiken damit verbunden sind. KI-Systeme, die in sicherheitssensiblen Bereichen eingesetzt werden, beispielsweise bei Gefährdungsbeurteilungen oder der Überwachung von Maschinen, erfordern eine umfassendere Prüfung und Zertifizierung, da die Auswirkungen eines Fehlers hier gravierend sein können.
Tipp: Beginnen Sie klein! Testen Sie KI zunächst in weniger kritischen Prozessen, um Erfahrungen zu sammeln, bevor Sie die Technologie auf Hochrisiko-Bereiche ausweiten. Niemand verlangt, dass Sie sofort alles umstellen. Beginnen Sie deshalb am besten mit einem überschaubaren Pilotprojekt, etwa der Validierung Ihrer KI-gestützten Unterweisungssoftware durch Fachkräfte.
- Investieren Sie in Schulungen und Sensibilisierung
Die Einführung von KI bedeutet nicht, dass menschliche Fachkräfte ersetzt werden können. Ganz im Gegenteil: Je komplexer das KI-System, umso wichtiger ist es, dass Mitarbeiter verstehen, wie die Technologie funktioniert und welche Grenzen sie hat. Sicherheitsbeauftragte sollten beispielsweise geschult werden, die Ergebnisse der KI kritisch zu hinterfragen und fundierte, menschliche Entscheidungen zu treffen.
Tipp: Bieten Sie Ihrer Belegschaft regelmäßig Schulungen für den sicheren Umgang mit KI an. Dazu gehören sowohl technische Aspekte als auch ethische und rechtliche Grundlagen.
- Sichern Sie die Transparenz Ihrer KI-Systeme
Eines der Hauptziele der EU KI-Verordnung ist es, sicherzustellen, dass Entscheidungen von KI nachvollziehbar und verständlich sind. Dies gilt insbesondere für Hochrisiko-KI-Systeme. Sorgen Sie dafür, dass alle Entscheidungen, die eine KI trifft, dokumentiert werden und für Ihre Beschäftigten nachvollziehbar sind.
Tipp: Wählen Sie KI-Systeme, die durch sogenannte „Explainable AI“-Ansätze (erklärbare KI) Transparenz bieten. Systeme mit einer verständlichen Entscheidungslogik sind nicht nur regelkonform, sondern erhöhen auch das Vertrauen der Kollegen in die Technologie.
- Überwachen Sie die Integration kontinuierlich
Die Einführung eines KI-Systems ist kein „Einmal-und-dann-fertig“-Prozess. Die KI-Verordnung verpflichtet Unternehmen dazu, KI-Anwendungen regelmäßig zu überprüfen und auf aktuelle Standards anzupassen. Selbst kleine Änderungen in den Arbeitsprozessen oder der Datenbasis können die Qualität und Sicherheit der KI beeinflussen.
Tipp: Implementieren Sie ein Monitoring und regelmäßige Audits für Ihre KI-Systeme. Externe Prüforganisationen können dabei helfen, die Einhaltung aller Vorgaben sicherzustellen.
- Fördern Sie verantwortungsvolle Nutzung
Eine der größten Ängste beim Einsatz von KI in sensiblen Bereichen ist, dass diese als Überwachungswerkzeuge missbraucht werden. Wenn KI-Systeme beispielsweise die Produktivität einzelner Beschäftigter überwachen und deren Leistung bewerten, könnte dies zu Misstrauen und psychischen Belastungen führen. Dagegen hilft, hier einen klaren, ethisch verantwortungsvollen Kurs einzuschlagen.
Tipp: Definieren Sie klare Richtlinien für den Umgang mit KI, die den Schutz der Beschäftigten in den Vordergrund stellen. Kommunizieren Sie frühzeitig und offen, wie KI im Unternehmen genutzt wird.
- Holen Sie externe Expertise hinzu und nutzen Sie Kooperationen
Für viele Unternehmen – insbesondere kleine und mittelständische – ist das Thema KI zu komplex, um allein alle Vorgaben der Verordnung zu erfüllen. Eine gute Option ist, sich externe Berater und Partner ins Boot zu holen, die über Fachwissen zur Zertifizierung und Validierung von KI-Systemen verfügen. Gemeinsam mit anderen Unternehmen oder Branchenverbänden lassen sich sehr oft Ressourcen teilen, etwa bei der Validierung von KI-Systemen oder Schulungen zur Verordnung.
Tipp: Arbeiten Sie mit zertifizierten Prüf- und Fachstellen zusammen. Diese können Sie bei der Risikobewertung, Überprüfung und Dokumentation Ihrer KI-Systeme unterstützen.
- Nutzen Sie Fördermöglichkeiten
Die Einführung von KI ist mit Kosten verbunden – sei es für Technik, Schulung oder eine notwendige Zertifizierung. Um Unternehmen bei der Umsetzung der EU KI-Verordnung zu unterstützen, gibt es zahlreiche Förderprogramme auf europäischer und nationaler Ebene. Diese helfen, die finanzielle Belastung zu reduzieren und notwendige Ressourcen bereitzustellen.
Tipp: Informieren Sie sich konkret über Bundes- und Landesförderprogramme oder EU-Förderungen für Digitalisierung. Mit diesen Mitteln können Sie KI-Projekte gezielt voranbringen.
Fazit
Die EU KI-Verordnung ist mehr als nur ein bürokratisches Regelwerk. Sie gibt Unternehmen die Chance, KI sicher, effizient und nachhaltig zu nutzen. Besonders im Bereich der Arbeitssicherheit kann KI – richtig eingesetzt – Mitarbeiter schützen und Risiken minimieren. Und mal ehrlich: Wer braucht schon einen Roboter, der Bagels von schlafenden Dackeln unterscheiden will? Viel wichtiger ist eine Kombination aus smarter Technologie und menschlicher Expertise.
Unternehmen sollten die Verordnung daher nicht als Last sehen, sondern als Leitfaden, der hilft, das Beste aus KI herauszuholen – ohne sich in rechtlichen Stolperfallen zu verlieren. Bauen Sie darauf: Sicherheit, Effizienz und Fortschritt sind kein Widerspruch, sondern ein starkes Trio.
Die Autoren:
Auf dem Gebiet der Arbeitssicherheit sind Anja Blüthner und Thomas Büschel Experten. Blüthner leitet bei der TÜV Thüringen Akademie GmbH die Abteilung Produktentwicklung, Büschel ist dort Geschäftsführer. Zu den Leistungen der TÜV Thüringen Akademie gehören insbesondere Aus-, Fort- und Weiterbildungsseminare in den unterschiedlichsten Bereichen wie Arbeits- und Gesundheitsschutz, Energie und Umwelt oder Daten und Digitales – und eben auch Künstliche Intelligenz.